Recht und Tabu

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Tabu und Recht reprasentieren diametral gegenlaufige, einander widersprechende Lebenswelten: Tabu steht fur archaische Denkstrukturen, irrationale und tribale Verhaltensweisen, Recht hingegen fur rationale Gestaltung der Welt aus dem Geiste aufgeklarter Vernunft. Der Geist der Rationalitat, der die Moderne durchwaltet, steht Erscheinungen irrationaler Provenienz verstandnislos, sprachlos und feindlich gegenuber: er misstraut dem Spiel, wehrt dem Zufall und verachtet den Humor. Auch das Tabu gilt rationalem Geist als Ausfluss noch zu uberwindender Restbestande der Irrationalitat in der modernen Gesellschaft, ist jedem Aufklarer ein fortwahrendes Skandalon, darf im rationalen Rechtsstaat nicht im Recht sein. Doch das Vertrauen in eine rationale Gestaltung der Welt ist tief verunsichert, der naive Vernunftoptimismus der Aufklarung verflogen. Rationalitat muss reflexiv werden, die irrationalen Faktoren des Lebens anerkennen, ihre Versuchungen und Gefahren erkennen, die Grenzen der Rationalitat bestimmen und daraus rational Konsequenzen ziehen. Die Frage nach dem Verhaltnis von Recht und Tabu, die in diesem Band aus verschiedener Perspektive beleuchtet wird, zielt auf Funktion wie Inhalt des Tabus im Recht und zeigt die identitatsstiftende Notwendigkeit und rationalitatskompensatorische Funktion der Tabus auf. Das Tabu markiert die Grenze der Rationalitat, hindert den Totalitatsanspruch des Rationalismus und ermoglicht gerade dadurch Rationalitat.